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Unter Panzerknackern: Warum nervt es mich, wenn Volker Lösch bei „Berlin Alexanderplatz“ Ex-Knackis auf die Bühne stellt?

02.01.2010 (4:48 pm) – Filed under: Inszenierungen ::

panzerknackerÜber Ästhetik, Kunst und Texttreue will ich gar nicht erst reden. Weiß man ja mittlerweile, dass es Volker Lösch darum nicht geht. Als Sozialpädagoge unter den Theatermachern ist er verschrien, weil er ständig mit einem Chor von Laien auf der Bühne arbeitet, der sich über die Gesellschaft und das „System“ im Allgemeinen beschwert. Und da ist er schon – ist es Ihnen aufgefallen – dieser leicht genervte Unterton in meinen Sätzen, wenn ich über Volker Lösch schreibe. Man könnte sich vorstellen, dass ich mit den Augen rolle, während ich „Volker Lösch“ tippe. Und so ist es auch. Warum, das weiß ich selbst noch nicht so genau und werde versuchen, es im Laufe dieses Eintrags heraus zu finden. Es folgt eine Analyse meiner Volker-Lösch-Genervtheit.

Wenn es nicht um Ästhetik und Kunst geht, worum geht es Volker Lösch denn dann? Was will dieser Mensch von mir? Er will mir sagen, wie ungerecht die Welt ist, wie schwer es Hartz-IV-Empfänger haben und, im aktuellen Fall von „Berlin Alexanderplatz“ an der Berliner Schaubühne, wie unmöglich einem vorbestraften Menschen die Resozialisierung in die Gesellschaft gemacht wird. Das sind Themen, die mir am Herzen liegen. Ist doch großartig, wenn jemand die aktuellen Probleme unserer Welt auf die Bühne holt und das Publikum direkt konfrontiert. Dass es dabei Skandale gibt, Empörung, Wut, ist klar. Rein theoretisch finde ich Volker Löschs Theater also unerlässlich, unglaublich wichtig und im Idealfall das Höchste, was Theater überhaupt leisten kann: Den Menschen verändern, anregen, ihn mit sich und der Welt in Kontakt bringen, seine Empathie anzapfen, „eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, wie Kafka es von Büchern verlangt.

Ich schlage mich auf die Seite des Systems!

Nur leider Gottes, und das ist nun wirklich tragisch, erreicht Volker Lösch bei mir genau das Gegenteil dessen, was er erreichen möchte: Ich ertappe mich dabei, mich tatsächlich auf die Seite des Systems zu schlagen. Und das passiert mir normalerweise nicht so leicht.

Der Chor bleibt eine graue Masse

Wie schafft er das? Ich versuche, zu rekapitulieren: Er nimmt einen großen Brocken Literatur, nämlich Döblins „Berlin Alexanderplatz“ und schrumpft das Werk auf ein paar Seiten Text zusammen. Die Themen Döblins verschiebt er, sodass es nicht mehr um den Umgang des modernen Menschen mit seiner Freiheit und dem Leben in der anonymen Großstadt geht, sondern nur noch um die fehlschlagende Wiedereingliederung von Franz ins Berliner Leben. Schade ist das – aber kein Grund, gleich sauer zu werden. Er lässt aber auch eine Gruppe Ex-Knackis auftreten, die, zum größten Teil als Chor, also mit einer Stimme, von ihren Vergehen und Straftaten brüllen und warum das nicht geklappt hat danach, nach dem Knast, mit einem neuen Job und einem besseren Leben. Sie wiederholen und sie wiederholen und sie wiederholen sich – ohne dass ich am Ende weiß, wer nun wer ist, wie die Schicksale zusammen hängen und ohne, dass mich irgendeine der Geschichten bewegt hätte. Sie bleiben ein Chor, eine graue Masse. Und das bei diesen spannenden Lebensläufen.

Panzerknacker, schön und gut – aber warum?

Auf glänzenden Goldmünzen stehen und gehen die Vorbestraften, über ihnen das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ – ein Leben in ständiger Versuchung. Wenn sie schweigen, kommt die Romanvorlage Franz (Sebastian Nakajew), seine Freundin Mieze (Eva Meckbach) und zwei Kriminelle zum Einsatz (David Ruland, Felix Römer), alle vier sind professionelle Schauspieler. Franz schreit mich ebenfalls die ganze Zeit an, während er die Handlung vorantreibt, so dass ich ständig in Hab-Acht-Stellung bin und gestresst den Kopf recke, wo sich der nächste Spieler oder Laie durch die Reihen quetscht und rumbrüllt. Zwischendurch taucht der Laien-Chor in Panzerknackerkostümen auf und schleppt minutenlang einen Geldsack nach dem anderen auf die Bühne. Die Säcke tragen das Logo der Deutschen Bank und türmen sich mit den Panzerknackern obenauf immer höher, während Franz versucht, sich gegen das Verbrechen zu wehren.

Ja, das sieht schon schön aus, wie fast 20 Panzerknacker diesen Geldberg auftürmen. Nur, was soll mir das sagen? Wozu werden die ehemaligen Strafgefangenen hier eigentlich benutzt? Ein neues Gefühl breitet sich in mir aus: Mitleid. Mit diesen Menschen, die sich in die Unfreiheit dieser Regiearbeit pressen lassen und dabei als Menschen überhaupt keine Rolle mehr spielen. Sie haben eine Funktion. Sie illustrieren die Geschichte von Franz Biberkopf. Mehr nicht.

Ich bin wütend auf Volker Lösch

Aha, ich komme der Sache langsam auf den Grund, noch ein Gefühl kommt jetzt nämlich dazu: Wut auf Volker Lösch. Es ist eine Unterstellung, aber es macht einfach den Anschein, als instrumentalisiere er diese Menschen, um etwas auszudrücken, für das er nur persönlichkeitslose Panzerknackermasken bräuchte. Und während der Szene ertappe ich mich dabei, zu denken: „Ach, das machen die aber gut“ oder „Oh, bei diesem Einsatz hat’s aber geholpert“. Das ist doch klischeehaft und arrogant.

Erzähl mir nicht, dass ich schuld an deinem Unglück bin!

Und nachdem mich Franz Biberkopf dann fast zwei Stunden lang angeschrieen hat und mir gesagt hat, warum er gar nicht anders kann, als kriminell zu sein, da will ich es einfach nicht mehr hören und denke: Alter, du hast deine Freundin umgebracht und bei der zweiten warst du auch nicht weit entfernt davon – also halt mal den Ball flach und erzähl mir nicht, dass ich Schuld an deinem Unglück bin!

Es ist nicht so, dass die authentischen Vorbestraften sich nur als Opfer darstellen würden. Sie sagen, wo und wie sie sich verantwortlich fühlen. Aber die Sätze ziehen fast unbemerkt an mir vorüber. Die Gesamtaussage wird von Franz Biberkopf getroffen. Bei Döblin ist er schließlich geläutert, bei Lösch bemitleidet er sich selbst und bleibt am Ende ein von Sozialneid zerfressener Mensch, der nach dem Leben der Theaterbesucher giert. „Deine tolle Kindheit will ich, deine 20 Semester Kunstgeschichte, deine schöne Frau, dein Haus auf Mallorca.“

Wir haben ja alle Geld und Liebe in den Hintern gesteckt gekriegt

Und jetzt fühle ich mich stigmatisiert. Ach so – alle Menschen, die nicht kriminell wurden, hatten eben beste Voraussetzungen, haben Geld und Liebe in den Hintern gesteckt gekriegt, sind alle wunderschön, hochintelligent und konnten gar nicht anders, als erfolgreich zu werden. Und heute, wenn Franz Biberkopf mir ins Gesicht schreit, dass er gefälligst meinen Porsche haben will, da stelle ich zum ersten Mal fest: Ach – es hat gar nicht jeder einen in der Garage stehen? Das ist ja ungerecht.

Freier Wille?

Vielleicht sollte man Volker Lösch einmal sagen, dass man immer mal wieder über einen Begriff diskutiert, der sich „freier Wille“ nennt. Auch wenn man sich nicht sicher ist, ob es ihn unter Menschen tatsächlich gibt. Aber wenn nicht, dann hat sich das mit der Resozialisierung von Straftätern sowieso erledigt.

Et voilà: Der Grund

So, hier kommt er nun, der Grund für meine Volker-Lösch-Genervtheit: Er stellt schwarz und weiß, gut und böse plakativ, auf Boulevardzeitungsniveau gegenüber. Das macht mich sauer, weil menschliche Schicksale dafür zu sensibel und vielschichtig sind. Weil sie mit einer solchen Holzhammermethode als pures Anschauungsmaterial verbraten werden, als Aufreger. Als Mittel zum Zweck.

Das Publikum findet’s toll

Aber es kann sein, dass ich, was Plakativität und platte Aussagen ohne großen Denkanreiz angeht, überempfindlich reagiere. Das Publikum nämlich tobte am Ende und konnte sich vor lauter Applaus, Fußtrommeln, Bravorufen und Standing Ovations gar nicht beruhigen. Hoffentlich nicht aus dem Gedanken heraus: „Ach, das haben die Kriminellen für ihre Verhältnisse doch super gemacht!“

3 Responses to “Unter Panzerknackern: Warum nervt es mich, wenn Volker Lösch bei „Berlin Alexanderplatz“ Ex-Knackis auf die Bühne stellt?”

  1. Paula Says:

    Hihi!
    sehr komisch geschrieben, sehr schön, das sollte der Volker Lösch mal lesen!
    P.

  2. Petra Says:

    Also, ich hab keine Ahnung von Herrn Lösch, aber ich bin jetzt mit dir sauern. Grandios geschrieben!

  3. Theaterfrollein Says:

    Danke für diese ausführliche Kritik. Kästner an der Schaubühne. Ich bin dennoch gespannt und werde mir das Stück bei nächster Gelegenheit anschauen.

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